13. April 2017 |

„Wer uns einbindet, will es wirklich wissen“ – Ein Gespräch zur Politikberatung am IAB mit Ulrich Walwei

Wissenschaftliche Politikberatung begleitet das IAB seit seinem Bestehen. Ebenso bestimmte Themen, die – dem steten Wandel des Arbeitsmarkts, aber auch konjunkturellen Zyklen unterworfen – immer wieder vor die Stufen des vermeintlichen Elfenbeinturms gespült werden, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung und Form. Und es sind seit jeher auch immer wieder die gleichen Akteure und Institutionen, die das IAB um Rat fragen – sei es, um bessere Erkenntnisse über den Arbeitsmarkt zu gewinnen, sei es, um ihre Vorhaben prüfen zu lassen: An erster Stelle die Bundesagentur für Arbeit mit ihrer Selbstverwaltung, ihren Regionaldirektionen, Agenturen und Jobcentern, zum Beispiel. Aber auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der Bundestag, die Landtage, Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeber- oder Wohlfahrtsverbände – und nicht zuletzt wissenschaftliche Sachverständige, die selbst die Politik beraten. Sie alle haben eines zunehmend erkannt: Politische Entscheidungen sind zielführender, wenn sie sich auf wissenschaftliche Evidenz stützen können. Das IAB selbst steuert mit klarem Kompass durch dieses Spannungsfeld widerstreitender politischer Interessen – stets ausgerichtet am Ziel wissenschaftlicher Exzellenz. Die Gefahr, seinen Kunden nach dem Mund zu reden, sieht Dr. Ulrich Walwei, Vize-Direktor des IAB, nicht. Im Gegenteil. Auf dem IAB weht stolz die Flagge der Unabhängigkeit. Sie wird auch bei Sturm nicht eingeholt. Die Wissenschaft, so verrät Walwei im Interview, ist ständig unterwegs und zeigt sich alles andere als weltfremd.

„Gute Forschung und damit auch gute Politikberatung brauchen Ressourcen und Zeit.“

Herr Dr. Walwei, warum suchen Politik und Praxis den Rat des IAB?

Weil unsere Arbeit ihnen bei politischen Entscheidungen hilft und unsere Evidenz für unsere Beratungsempfänger einen Unterschied in ihrem täglichen Handeln macht.

Würden Sie sagen, die Wahrnehmung dieser Leistung hat sich im Laufe der Jahre verändert?

Politik fragt heute tatsächlich in viel stärkerem Maße nach Evidenz. Ich würde sagen, einschneidend waren da die Hartz-Reformen. Hier wurde seinerzeit in noch nie dagewesenem Umfang Forschungsleistung angefordert. Seither will man sehr viel genauer wissen, wie der Arbeitsmarkt funktioniert und wie wirkungsvoll Maßnahmen sind. Dieses Verständnis hat sich auch in die reformierte Bundesagentur für Arbeit übertragen, die nun wirkungsorientiert gesteuert wird und ebenfalls verstärkt wissenschaftliche Evidenz fordert.

Wie schaffen Sie es hier, sich gegen Wettbewerber durchzusetzen?

Entscheidend war schon immer, dass in unserem Selbstverständnis und in unserer Außendarstellung das wissenschaftliche Fundament immer präsent ist. Wir geben nichts aus dem hohlen Bauch zum Besten. Wissenschaftliche Politikberatung hat eine andere Wertigkeit als andere Beratungsformen. Und gute Forschung, und damit auch gute Politikberatung, brauchen Ressourcen und Zeit.

Und darüber hinaus?

Sie ist, wie wir sie auch in unseren Leitlinien für gute Politikberatung verstehen, wissenschaftlich, stützt sich also auf Forschungsergebnisse, und sie ist unabhängig. Außerdem adressatengerecht. Es muss uns immer gelingen, komplexe Ergebnisse und Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Und wir machen uns vorher die Mühe zu verstehen, was Politik und Praxis wollen. Wir liefern auch nicht nur auf Zuruf. Wir sind überall da, wo die Themen von morgen aufschlagen und sind in dieser Hinsicht auch Impulsgeber. Das heißt, wir beraten nicht nur reaktiv, wir forschen auch proaktiv und setzen Themen für die arbeitsmarktpolitische Praxis. Beides ist sehr wichtig für uns und natürlich auch für unsere Stakeholder. Dabei ist der Dialog ganz entscheidend für uns. Man könnte fast sagen: Wir hören das Gras wachsen.

„Wir liefern nicht nur auf Zuruf. Der Dialog ist ganz entscheidend für uns. Man könnte fast sagen: Wir hören das Gras wachsen.“

Wie unabhängig kann Politikberatung im Spannungsfeld unterschiedlichster politischer Interessen wirklich sein?

Man muss zuvorderst extrem gut sein und eine Reputation haben, die über jeden Zweifel erhaben ist, um das zu leisten. Wir werden öffentlich als sehr fundiert wahrgenommen, ein Institut, das sachlich und fachlich forscht. Und das ist angemessen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass wir nicht die Schlagzeilen in der BILD beherrschen. Wer uns einbindet, will es wirklich wissen. Und er muss akzeptieren, dass es dann auch alle anderen wissen. Wir bemühen uns um die konsequente Herstellung von Öffentlichkeit. Wir verstecken nichts in Schubladen. Das IAB steht für Transparenz – eine Tatsache, die übrigens nicht jedem Auftraggeber gefällt. Uns eilt nicht der Ruf voraus, dass man schon vorher wüsste, was rauskommt. Bei uns muss man mit allem rechnen. Wir sind nicht überraschungsfrei. Das ist ein wichtiges Prinzip unserer Unabhängigkeit. Genauso die Tatsache, dass wir uns in einem Umfeld verschiedenster Player und damit verschiedenster Interessen bewegen. Wir laufen nicht Gefahr, tendenziös zu sein.

Welche Auswirkungen hat das auf die Zusammenarbeit mit Ihren Beratungsempfängern?

Zu einer seriösen Politikberatung gehört es nicht nur, den erhofften Effekt einer Maßnahme zu benennen, es geht vor allem darum, ihre möglichen Nebenwirkungen, also ihre Vor- und Nachteile aufzuzeigen. Wir liefern selten diese eine eindeutige Lösung. Wir schreiben vielmehr den ganzen Beipackzettel. Und damit hat man als Forschung schon eine ganze Menge geleistet. In der Entscheidung hat die Politik das Primat, und diese Entscheidung wollen wir ihr auch nicht abnehmen. Politik und arbeitsmarktpolitische Praxis müssen die Risiken und Nebenwirkungen gewichten und abwägen. Dafür werden sie in die Verantwortung genommen und dafür müssen sie sich Wahlen stellen.

Und dennoch geben Sie klare Handlungsempfehlungen?

Wir zeigen Handlungsoptionen auf, ermitteln deren Kosten und Nutzen und übergeben dann den Staffelstab. Das heißt natürlich nicht, dass wir gerade bei unseren umsetzungsorientierten Berichten nicht auch wirtschafts- und sozialpolitische Folgerungen mit darlegen. Die sind aber meistens auf einer anderen Flughöhe, als es die Politik ganz konkret braucht. Man kann sie nicht gleich in ein Gesetz gießen. Die andere Seite ist, dass wir bereits umgesetzte Maßnahmen evaluieren oder vor der Konkretisierung einer Maßnahme oder einer Gesetzesvorlage im Bundestag als Experten hinzugezogen werden. Wir sagen, was wir aus wissenschaftlicher Sicht davon halten. Das kann Auswirkungen haben, muss es aber nicht.

„Uns eilt nicht der Ruf voraus, dass man schon vorher wüsste, was rauskommt. Bei uns muss man mit allem rechnen. Wir sind nicht überraschungsfrei. Das ist ein wichtiges Prinzip unserer Unabhängigkeit.“

Wie persönlich nehmen Sie es, wenn Handlungsoptionen des IAB ignoriert werden?

Natürlich haben wir die Hoffnung, dass sich die Evidenz am Ende des Tages durchsetzt. Aber darauf haben wir keinen Einfluss. Sicher ist, dass, wer in der Politik grundsätzlich gegen Evidenz handelt, irgendwann die Rechnung präsentiert bekommt.

Zu welchen Themen berät das IAB vorrangig?

Nichts ist beständiger als der Wandel am Arbeitsmarkt und das führt dazu, dass unsere Themen einem konjunkturellen Zyklus unterliegen. In Aufschwungsphasen dominieren Fragen nach der Rekrutierung und Qualifikation von Fach- und Arbeitskräften. In Phasen des Abschwungs geht es um die Sicherung von Beschäftigung und das Handling von Arbeitslosigkeit. Diese Themen kehren immer wieder. Und dann gibt es Trends, die das IAB unter anderen Vorzeichen und vor dem Hintergrund des technologischen Wandels schon von Anfang an begleiten. Im Moment haben wir vier Fokusthemen: Migration, Digitalisierung, Langzeitarbeitslosigkeit und Qualität der Beschäftigung. Und auch diese Themen sind immer im Fluss und bedürfen intensiver Begleitforschung.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?

Die Einführung des Mindestlohns war sicher einer der stärksten Eingriffe der Politik in den Arbeitsmarkt. Und hier wird deutlich, dass die Hartz-Reformen und deren wissenschaftliche Begleitung durch das IAB nachwirken. Seitens der Politik ist man sich bewusster geworden, wie sinnvoll eine umfängliche Begleitforschung auch zur Evaluation bestimmter Reformen ist. Und deshalb sind wir auch hier aktiv. Für mich ist das ein klarer Indikator dafür, dass evidenzbasierte Politik weiter vorangeschritten ist in den letzten 15 Jahren, und das wird in absehbarer Zukunft auch so bleiben.

„Wir liefern selten diese eine eindeutige Lösung. Wir schreiben vielmehr den ganzen Beipackzettel“

Und wie gestaltet das IAB diese Zukunft?

Natürlich kann man eine Zeitlang Honig aus vergangenen Erkenntnissen saugen, wenn aber neue Themen aufkommen, braucht man neue Evidenz. Und hier investieren wir umfänglich. Zum Themenfeld „Migration und Flucht“ haben wir deshalb große neue Forschungsprojekte aufgesetzt, Ähnliches gilt für das Thema Digitalisierung. Wir haben hier hohe Ansprüche an uns selbst, sind bestrebt, dialogfähig und offen zu bleiben und Synergien herzustellen. Denn wissenschaftliche Politikberatung basiert vorrangig auf dem Austausch zwischen Wissenschaft und Politik, die sich die Bälle gegenseitig zuspielen, ist aber immer auch eine proaktive Angelegenheit. Im günstigsten Fall ist es so, dass unsere Forscher zu einem wissenschaftlichen Ergebnis kommen und sich sofort überlegen: Was kann ich der Politik damit sagen?

Inwieweit profitieren Sie hier selbst vom Dialog mit Ihren Kunden?

Wir lernen vor allem fundiert zu verstehen, wie der Arbeitsmarkt und seine Institutionen funktionieren. Wer über Betriebe forscht, sollte wissen, wie sie in der Praxis agieren. Wir beschäftigen uns intensiv mit Hartz-IV- und Grundsicherungsempfängern und sollten daher wissen, wie deren Lebenssituation ist – und nicht abstrakt darüber schreiben. Dafür bekommen wir in den vielen Praxiskontakten ein besseres Gefühl. Wir wissen, worüber wir reden. Wir sitzen nicht im Elfenbeinturm, wir sind ganz nah an den Arbeitsmarktakteuren dran.

Das Interview führten: Dr. Andrea Kargus, Dr. Martin Schludi und Katharina Raab

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