3. April 2017 |

„Unsere Forschung ist kein Glasperlenspiel“: Ein Gespräch mit Joachim Möller

Die grün leuchtende markante Konstruktion mit den drei Buchstaben „IAB“ ist weithin zu sehen: Das 18 Meter lange und vier Meter hohe neue Portal vor dem Haupteingang des IAB-Gebäudes an der Regensburger Straße soll die Eigenständigkeit des Instituts als besondere Dienststelle unter dem Dach der Bundesagentur für Arbeit (BA) symbolisieren. Auch die Räumlichkeiten im Erdgeschoss wurden nach dem Umzug des IAB von der Weddigenstraße in das ehemalige Gebäude der Regionaldirektion Bayern umgebaut. In dieser Neugestaltung soll die Grundidee der Wissenschaft zum Ausdruck kommen, die zwar universal gültiges, aber zugleich zeitlich begrenztes Wissen und damit keine Letztgewissheit bietet, weil sie ständig in Bewegung ist. Veränderung und Neugestaltung – diese Aspekte spiegeln sich ebenso in der Gründung und Entwicklung des Instituts wider. 1967 in turbulenter Zeit aus der Taufe gehoben, steht am IAB seitdem die Erforschung der Auswirkungen wirtschaftlicher und sozialer Wandlungsprozesse auf dem Arbeitsmarkt im Vordergrund. Seine Wandlungsfähigkeit stellt auch das IAB selbst immer wieder unter Beweis. Dabei kann es auf eine Diversität und Dynamik der Perspektiven setzen – zum Beispiel durch seine Multidisziplinarität und seine nationale wie internationale Vernetzung. Professor Joachim Möller, seit zehn Jahren Direktor des IAB, erzählt im Interview, was das Institut auszeichnet, wofür es in der Forschungslandschaft steht und mit welchen Themen es sich aktuell und in Zukunft beschäftigen wird.

Es gibt in Deutschland neben der universitären Forschung eine Vielzahl an Forschungsinstituten, die sich mit dem Arbeitsmarkt befassen. Wie würden Sie hier das IAB grundsätzlich verorten?

Das IAB ist das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit. Seine besondere Position rührt auch von seinen beiden gesetzlichen Aufträgen her, also den Forschungsbedarf sowohl der Arbeitsverwaltung als auch des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zu berücksichtigen. Zur Erledigung unserer Aufgaben genießen wir das Privileg, einen besonderen Zugang zu den Sozialdaten zu haben. Wir können zudem auf das Fachwissen aus der Selbstverwaltung und der Zentrale der Bundesagentur oder aus dem Ministerium zurückgreifen. Wir sind dadurch stärker am Puls des Arbeitsmarktgeschehens. Das alles stellt aber unsere wissenschaftliche Unabhängigkeit keineswegs in Frage, auf die wir sehr achten. Diese besondere Konstellation, unter der das IAB arbeitet, beinhaltet noch andere Aspekte – zum Beispiel, dass wir mit Unterstützung der operativen Einheiten der BA Evaluationsdesigns gestalten oder Feldexperimente durchführen können. Das ist anderen Instituten so nicht möglich. Was uns außerdem auszeichnet, ist unser multidisziplinärer Ansatz: Im IAB sind verschiedene Fachdisziplinen vertreten, im Wesentlichen die ökonomische und die soziologische Seite.

„Wir sind stärker am Puls des Arbeitsmarktgeschehens.“

Was sind die Kernaufgaben des IAB und welchen Anspruch verbindet es damit?

Es gibt drei zentrale Aufgabenbereiche des IAB: die Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die Produktion von Forschungsdaten und deren Bereitstellung, auch für die wissenschaftliche Gemeinschaft, und die wissenschaftsbasierte Politikberatung. Diese drei Aufgabenbereiche bedingen sich gegenseitig. Für unsere empirische Forschung benötigen wir valide und aussagekräftige Datensätze. Die Datenproduktion wiederum bedarf eines engen Kontakts zur Forschung, um den sich kontinuierlich wandelnden Anforderungen gerecht zu werden und ihre Qualität dauerhaft zu sichern. All dies ist die Voraussetzung dafür, um für die Politikberatung relevante Erkenntnisse gewinnen zu können.

Wie gut ist das IAB vor diesem Hintergrund heute aufgestellt? Und welche Weichen haben Sie als Direktor des Instituts in den letzten zehn Jahren dafür gestellt?

Das IAB ist heute ein ganz anderes als noch vor 15 Jahren. Was uns heute kennzeichnet, ist die internationale Vernetzung des Instituts. Zugleich haben wir die Zusammenarbeit mit der universitären Forschung stark ausgebaut. Hier sind wichtige Weichenstellungen schon unter meiner Vorgängerin Jutta Allmendinger erfolgt, beispielsweise die grundsätzliche Besetzung von Bereichsleitungen gemeinsam mit den Universitäten auf sogenannte Sonderprofessuren. Das war ein zentraler Schritt, der die Verbindung mit der akademischen Forschung gestärkt und auch unser Rekrutierungspotenzial erheblich verbessert hat.  Wichtig war auch der Ausbau des Forschungsdatenzentrums – und zwar nicht nur, um Daten auf der nationalen und internationalen Ebene für die Forschungsgemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Diesen Prozess hat Stefan Bender als früherer Leiter des Forschungsdatenzentrums sehr erfolgreich angestoßen. So wurde im Rahmen eines großen Projekts auch die Möglichkeit geschaffen, Datenzugangspunkte an amerikanischen und anderen Top-Universitäten zu errichten. Das war für die internationale Reputation des Instituts noch einmal ein großer Schritt nach vorne.

Ist das IAB damit auch für künftige Herausforderungen bestens gewappnet?

Am IAB arbeiten hervorragende und hochmotivierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wir rekrutieren guten Nachwuchs und qualifizieren ihn weiter. Wir verfügen über hervorragende Datenressourcen und gute administrative Strukturen. Die Unabhängigkeit des Instituts wird heute von keiner Seite in Frage gestellt. Die internationale Vernetzung ist exzellent, unser wissenschaftlicher Beirat ist mit internationalen Spitzenleuten besetzt. Das alles sind tolle Voraussetzungen für die künftige Entwicklung. Wir dürfen trotzdem nicht selbstgefällig werden. Deswegen haben wir – auch in Vorbereitung auf die 2018 anstehende Evaluation des Instituts – die Strukturen und Prozesse des IAB auf den Prüfstand gestellt. Ich glaube, dass es noch einiges gibt, was wir verbessern können. Das betrifft beispielsweise den Zuschnitt unserer Forschungsschwerpunkte und teilweise auch die Frage der Qualitätssicherung im Institut. So muss die Projektbegutachtung an neue Bedingungen angepasst werden.

„Ich würde mir wünschen, dass wir europaweit als Vorbild gesehen werden.“

Wie würden Sie die Rolle des IAB in der deutschen und der internationalen Forschungslandschaft beschreiben?

Das Entscheidende ist, dass die Forschung am IAB drei Merkmale aufweist: Sie ist erstens kein Glasperlenspiel, sondern orientiert sich an konkreten, relevanten Fragen der Arbeitsmarktpolitik und darüber hinaus. Man denke nur an die Evaluation arbeitsmarktpolitischer Instrumente. Unsere Forschung ist zweitens empirisch, das heißt an Daten und Fakten ausgerichtet. Und drittens sind unsere Methoden und Konzepte auf dem neusten wissenschaftlichen Stand. Letzteres setzt eine gute Einbindung in die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft voraus, die uns gelungen ist. Wichtig ist aus meiner Sicht außerdem, dass wir nicht auf unseren unendlich wertvollen Datenschätzen sitzen und versuchen, diese zu monopolisieren, sondern dass wir sie, nach Maßgabe des Datenschutzes, der internationalen Forschungsgemeinschaft öffnen. Dann entstehen viele Kooperationen auf nationaler wie auf internationaler Ebene, von denen nicht nur wir als Institut profitieren. Die gesamte Arbeitsverwaltung, die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland profitiert davon, weil internationale Spitzenforscher mit den deutschen Daten arbeiten und wertvolle Erkenntnisse generieren.

Die Folgen des Strukturwandels beschäftigen das IAB schon seit seiner Gründungszeit. Unter dem Stichwort „Automatisierungsdiskussion“ ging es damals um die Frage, ob Maschinen uns die Arbeit wegnehmen. Heute lautet das Schlagwort „Digitale Revolution“ oder „Industrie 4.0“. Diesmal fragen wir uns, ob es die Roboter sind, die uns die Arbeit wegnehmen. Damals wie heute versucht man sich an weit in die Zukunft reichenden Prognosen, die aber angesichts der rasanten technologischen Entwicklung extrem unsicher sind. Was macht Sie so sicher, dass solche Prognosen mehr sind als Kaffeesatzleserei?

Joachim Möller sitzt an Tisch und gibt ein Interview über die Arbeit des IAB.Nun, da muss man sehr differenzieren. Das eine sind die Kurzfristprognosen, also etwa eine Vorausschau auf die Arbeitsmarktentwicklung des jeweils kommenden Jahres. Da haben wir eine Methodik entwickelt, die sich bewährt hat. Das andere sind die längerfristigen Prognosen. Es gibt Dinge, die man vergleichsweise gut vorhersagen kann – wie alles, was mit der Demografie zusammenhängt, weil Personen, die in 20 Jahren auf den Arbeitsmarkt kommen werden, ja heute schon geboren sind. Ein ganz anderes Feld ist die Frage von Prognosen über Berufe und Bedarfe in bestimmten Berufen. Wie viele Personen in welchen Berufen in zehn oder 20 Jahren in Deutschland genau gebraucht werden, lässt sich nicht exakt prognostizieren. Niemand kann seriös abschätzen, welche Wendungen die Technologie oder die Nachfrage nach Gütern und Diensten im Einzelnen nimmt. Hat etwa jemand vor 30 Jahren die Bedeutung vorhergesehen, die das Internet einmal haben wird? Aber das heißt nicht, dass wir nicht doch Aussagen treffen können. Wo wir relativ sicher sein können, das ist bei den sich nur träge verändernden großen langfristigen Trends. Die Entwicklung der Art der Tätigkeiten weg von Routinetätigkeiten ist beispielsweise einer. Oder der Trend zu höherer Qualifizierung. Entscheidend ist nicht die Vorherschau von Dingen im Einzelnen, sondern dass wir Bedingungen schaffen, unter denen wir künftig flexibel auf Herausforderungen reagieren können. Und Flexibilität erreicht man vor allen Dingen über ausreichende Grundqualifikationen.

Ein wichtiges Thema am IAB ist die Forschung zum Mindestlohn. Das IAB lag mit seiner Einschätzung, dass der Mindestlohn von 8,50 Euro zu keinen gravierenden Beschäftigungseinbußen führen würde, weit besser als andere Ökonomen. Wie kommt es, dass die Prognosen im Vorfeld so weit auseinander lagen? Hat das IAB etwas gewusst, was die anderen nicht wussten?

Beim Mindestlohn ist viel Ideologie im Spiel. Und natürlich spielen auch Interessen eine Rolle. Ich beobachte immer wieder, dass manche Kollegen meinen, der Arbeitsmarkt funktioniere so wie der Markt für ein x-beliebiges Gut. Das ist aber nur sehr bedingt so, denn die Informationen sind sehr unvollkommen. Welcher Beschäftigte weiß schon, wo die beste Stelle für ihn oder sie ist? In vielen Fällen sind Personen auch räumlich gebunden, sei es durch familiäre Pflichten oder andere Dinge. Dann entsteht Marktmacht der Firmen. Solange die Tarifbindung hoch war, wurde dies durch die Gegenmacht der Gewerkschaften ausgeglichen. Das ist aber – gerade in weiten Teilen des Dienstleistungssektors – heute beileibe nicht mehr die Regel. Deshalb bedurfte es einer Regelung durch den Gesetzgeber. Gab es etwas, was andere nicht wussten? Nun, aus den vielen Studien, die es für andere Länder gibt, und aus der genauen Untersuchung des Mindestlohns im Bausektor war uns bekannt, dass ein Mindestlohn in moderater Höhe keineswegs beschäftigungsschädlich sein muss. Diese Sichtweise hat sich nach dem 1. Januar 2015 sehr eindrucksvoll bestätigt. All die apokalyptischen Arbeitsmarkt- und Konjunkturprognosen haben sich als völlig verfehlt herausgestellt.

Inwieweit beschäftigt sich das IAB weiter mit diesem Thema?

Beim Mindestlohn gibt es noch viele offene Fragen. Eigentlich wird es erst jetzt richtig interessant, weil der Forschung demnächst die detaillierten Lohn- und Beschäftigungsdaten für 2015 zur Verfügung stehen. Wir können jetzt sektoral, regional, nach Berufsgruppen, nach Altersgruppen, nach Qualifikation sehr genau hinschauen, was passiert ist und welchen strukturellen Wandel es durch den Mindestlohn gegeben hat.

Die Forschung zur Migration und Integration von Geflüchteten wurde am IAB zuletzt massiv ausgebaut. Die Politik dringt hier verständlicherweise auf schnelle und umfassende Beratung. Zugleich ist die Datenlage für diese Personengruppe naturgemäß sehr lückenhaft. Wie geht das IAB mit diesem Dilemma um?

Das ist ein wunderbares Beispiel für die Konstellation, in der das IAB arbeitet, und welche Möglichkeiten daraus erwachsen. Der Verwaltungsrat der Bundesagentur hat ja sehrJoachim Möller sitzt an Tisch und gibt ein Interview über die Arbeit des IAB. früh auch durch unsere Hinweise gesehen, dass ein Datenproblem entstehen wird. Denn wenn man Integration betreiben will, braucht man Informationen über die zu Integrierenden. Der Verwaltungsrat hat uns dann schnell und unbürokratisch Mittel zur Verfügung gestellt, damit wir eine umfangreiche Erhebung bei Flüchtlingen durchführen konnten. Dadurch ist der erste repräsentative Datensatz für diese Gruppe von Menschen entstanden. Auf dieser Grundlage lassen sich jetzt verlässliche Aussagen treffen. Und unsere ersten Ergebnisse lassen aufhorchen. So unterscheiden sich Wertevorstellungen in der Gruppe der Flüchtlinge gar nicht so stark von denen der deutschen Bevölkerung, wie man vielleicht gemeinhin denkt. Es gibt einige wenige Ausnahmen – etwa, was die Geschlechterrollen angeht. Aber die Werteorientierung, das Verständnis von Religion in der Gesellschaft oder die Erwerbsorientierung der Personen unterscheiden sich aber überraschend wenig von denen der deutschen Bevölkerung. Das IAB wird mithilfe dieses Datensatzes auch den Prozess der Integration verfolgen. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass Integration kein Selbstläufer ist und Zeit braucht. Aber wenn wir alles richtig machen, dann wird in den nächsten drei, vier, fünf Jahren ein signifikanter Teil dieser Gruppe in den Arbeitsmarkt integriert sein.

Wo sehen Sie weitere Forschungsschwerpunkte für die kommenden Jahre?

Neben der Migration und Integration ist dies sicher die Digitalisierung und technische Entwicklung: Was heißt das für den Strukturwandel, für Qualifikationen, für die Tätigkeiten und die Veränderungen in den Berufen? Wir werden außerdem die Qualität der Beschäftigung weiter im Blick behalten, also Fragen der sozialen Absicherung in bestimmten Beschäftigungsformen oder die Stabilität der Beschäftigungsverhältnisse, die Entwicklungsmöglichkeiten in bestimmten Jobs. Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Frage des Langzeitleistungsbezugs: Warum gelingt es bestimmten Personenkreisen nicht, dauerhaft aus der Bedürftigkeit herauszukommen? Besonders krass ist dies natürlich dann, wenn mit den Kindern von Hilfebedürftigen wieder Hilfebedürftige heranwachsen. Diesen fatalen Mechanismus gilt es zu durchbrechen, hierzu kann auch die Forschung noch einen Beitrag leisten. Auch das Thema Arbeitsmarkt und Gesundheit wird uns beschäftigen – zum Beispiel die Frage, wie neue Arbeitsformen so gestaltet werden können, dass es keine nachteiligen Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit der Beschäftigten gibt.

„Ich glaube, dass das IAB in zehn Jahren auf der europäischen Ebene noch stärker vernetzt sein wird.“

Wenn Sie selber eine Prognose wagen: Wo sehen Sie das IAB in zehn Jahren?

Ich glaube, dass das IAB in zehn Jahren auf der europäischen Ebene noch stärker vernetzt sein wird. Ich würde mir wünschen, dass wir europaweit als Vorbild gesehen werden, wie qualitativ hochwertige Forschungsdaten erzeugt, analysiert und der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden können. Dabei sollten mehr und mehr die Landesgrenzen überwunden werden. Damit Erkenntnisgewinne im breiten Umfang erzielt werden können und wir in Europa im größeren Maßstab zum Nutzen aller voneinander lernen, muss es auch einen Austausch von Mikrodaten geben. Ich hoffe deshalb sehr, dass der „Brexit“ nur eine Unfall der Geschichte war, und dass wir über kurz oder lang in Europa enger zusammenrücken und auf diese Weise einen Verbund auch der Arbeitsmarktforschung realisieren. Das IAB sollte dabei ein zentraler Akteur sein.

Das Interview führten: Dr. Andrea Kargus und Dr. Martin Schludi

Alle Fotos: Wolfram Murr

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