3. April 2017 |

Mehr Komplexität wagen – Mit seiner Forschung zu Migration und Integration positioniert sich das IAB klar zu einem gesellschaftlich sensiblen Thema

Für gesellschaftliche Debatten und politische Entscheidungen sind sie unabdingbar: Fakten. Was aber, solange sie fehlen? Oder wenn sie schlichtweg ignoriert werden? Gerade Debatten zur Migration und Integration sind häufig emotional aufgeladen. Aktuell bestätigen sie vielfach die Befürchtungen, dass wir an der Schwelle zu einem „postfaktischen Zeitalter“ stehen. Prof. Herbert Brücker und Dr. Ehsan Vallizadeh halten dagegen – mit repräsentativen Daten und empirisch begründeten Analysen.

Als 2015 mehr Menschen in die Bundesrepublik kamen als je in einem Jahr zuvor, wurde Prof. Herbert Brücker zu einem der gefragtesten Gesprächspartner der Medien. Sowohl Deutschlandradio Kultur als auch die Süddeutsche Zeitung wollten mit ihm über Deutschland als Einwanderungsland diskutieren. Die Tagesschau interessierte sich genauso wie die ZEIT für seine Einschätzung, wie Integration gelingen kann. Herbert Brücker bewegte sich dabei auf ihm bestens vertrauten Terrain. Als Leiter des Forschungsbereichs „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ am IAB ist er darin erprobt, zum Thema Migration Rede und Antwort zu stehen – sowohl im direkten Gespräch mit politischen und gesellschaftlichen Akteuren als auch vor der breiten Öffentlichkeit. Dennoch ist er für die Medien ein Gesprächspartner geblieben, dem harte Fakten stets wichtiger waren als plakative Statements: Herbert Brücker nennt vielfach Zahlen – und zwar auch dann, wenn im Fernsehen „ein geringer Teil der Befragten“ eingängiger klänge als „13 Prozent“. Etwas noch nicht zu wissen oder zu wenige belastbare Daten vorliegen zu haben – das sind für ihn keine Tabu-Antworten. Dass dies seiner öffentlichen Reputation keinen Abbruch tut, zeigen die „Ökonomenrankings“ der FAZ. Im Jahr 2016 sah die Tageszeitung Herbert Brücker auf Platz 35 der 100 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands.

Der Stoff, aus dem Erkenntnisse sind

Fakten zu vermitteln, statt Vermutungen anzustellen, ist für ihn die große Herausforderung, seit die von manchen als solche bezeichnete „Flüchtlingskrise“ die Schlagzeilen dominiert. Wer sind die Menschen, die in Deutschland Schutz suchen? Wie sehen ihre Biografien aus, warum und auf welchen Wegen sind sie geflohen? Für wissenschaftlich fundierte Aussagen fehlten anfangs zahlreiche Daten. In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg und dem Sozio-Oekonomischen Panel am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin machten sich die Forscherinnen und Forscher des Bereichs von Herbert Brücker deswegen im Sommer 2015 daran, die Wissenslücken zu schließen. Vorbild war ihr seit zwei Jahren laufendes Migrationspanel, bei dem dieselben Personen zu mehreren Zeitpunkten befragt werden. „Bereits in diesem Rahmen haben wir uns die Teilnehmer im Detail angesehen“, erläutert Herbert Brücker, der während seiner wissenschaftlichen Laufbahn bereits in osteuropäischen und afrikanischen Staaten geforscht hat. „Dabei haben wir festgestellt, dass Biografien immer transnationaler werden.“ Nicht zuletzt wegen der Finanzkrise hatte die Migration zugenommen.

Im Forschungsbereich „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ arbeiten Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Ländern zusammen. | Bild: Wolfram Murr

Bei ihrer neuen Studie zur Fluchtmigration sahen sich die Wissenschaftler allerdings auch neuen Herausforderungen gegenüber. Denn repräsentative Ergebnisse, die über Bildungsabschlüsse und Sprachkenntnisse ebenso Aufschluss geben würden wie über Werte und Normen, sollten nun in kürzester Zeit vorliegen. Es war ein Mammutprojekt: Geschulte Interviewer gingen in Privathaushalte, Gemeinschaftsunterkünfte und Erstaufnahmeeinrichtungen, um insgesamt 4.500 Geflüchteten in der repräsentativen Stichprobe jeweils rund 450 Fragen zu stellen. Um einen breiten Personenkreis einzubeziehen, lagen die Fragen in sieben Sprachen – darunter zum Beispiel Paschtu und Farsi – sowie auch als Audio-Aufnahmen vor. Eine App erleichtert es, Kontakt zu halten und wiederholt Kurzbefragungen per Handy durchzuführen.

„In der Regel werden in ein Projekt dieser Größenordnung drei bis fünf Jahre investiert“, erklärt Herbert Brücker. Im Sommer 2015 forderte die Politik jedoch vor allem rasche Empfehlungen, um auf dieser Basis die entsprechenden Haushaltsmittel bereitstellen und die Integration der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt vorantreiben zu können. „Als Fluchtmigration zum Thema Nummer 1 wurde, haben wir deswegen alle verfügbaren Ressourcen konzentriert“, erinnert sich Ehsan Vallizadeh, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich von Herbert Brücker. Für ihn ist es ein Alleinstellungsmerkmal des IAB, zügig auf Datensätze insbesondere der Bundesagentur für Arbeit zurückgreifen zu können oder diese auch selbst zu erheben. In anonymisierter Form stehen diese Datensätze auch anderen Forscherinnen und Forschern außerhalb des IAB zur Verfügung. „Wir produzieren mit unseren Daten öffentliche Güter, die ebenso für andere Wissenschaftler relevant sind“, begründet Ehsan Vallizadeh das Teilen in der „scientific community“.

Analysieren, bewerten, empfehlen

Die Daten sind die Basis für das eigentliche Ziel: Es geht darum, zu verstehen. „Dass Menschen migrieren, ist auf komplexe Zusammenhänge zurückzuführen“, sagt Herbert Brücker. „Der Anstieg der europäischen Migration nach Deutschland zum Beispiel hat mit Problemen andernorts und sehr viel weniger mit einer Veränderung in Deutschland zu tun.“ Warum also verlassen Menschen ihre Heimat oder ihren gewählten Aufenthaltsort? Nach welchen Kriterien entscheiden sie? Um darauf Antworten zu finden, nehmen die Forscher am IAB vielschichtige Prozesse in den Arbeits- und Gütermärkten unter die Lupe, passen ihre Modelle an und entwickeln sie weiter. „Wir wollen Migrationsströme verstehen“, erläutert der IAB-Bereichsleiter die Zielsetzung. „Und wir wollen individuelle Entscheidungen besser verstehen.“ Einer der Faktoren, die er dabei untersucht hat, ist die Bedeutung von Netzwerken unter Migranten. „Wir haben festgestellt, dass solche Netzwerke durchaus effizient sind“, fasst Brücker zusammen. „Denn sie tragen zu einem schnelleren Einstieg in den Arbeitsmarkt bei, führen zu höheren Einstiegsgehältern und einer längeren Verweildauer im Job.“ Zugleich bringen sie nachweislich Probleme mit sich, Deutsch zu lernen.

Das 15 Köpfe starke Team rund um Prof. Herbert Brücker sitzt am Tisch und diskutiert. Im Hintergrund läuft eine Power Point Präsentation. Das Team untersucht die Folgen der Internationalisierung und europäischen Integration für die Arbeitsmärkte und analysiert Arbeitsmarktreformen im internationalen Vergleich. Die Folgen der Fluchtmigration für den deutschen Arbeitsmarkt sind derzeit das beherrschende Forschungsthema des Bereiches.

Das 15 Köpfe starke Team rund um Prof. Herbert Brücker untersucht die Folgen der Internationalisierung und europäischen Integration für die Arbeitsmärkte und analysiert Arbeitsmarktreformen im internationalen Vergleich. Die Folgen der Fluchtmigration für den deutschen Arbeitsmarkt sind derzeit das beherrschende Forschungsthema des Bereiches. | Bild: Wolfram Murr

Erneut also: kein eindeutiges Ja oder Nein. Diese Ambivalenz begleitet die Forscher, wenn sie dank ihrer datenbasierten Analysen einzelne politische Entscheidungen und Maßnahmen bewerten oder auch Empfehlungen aussprechen. Wie wirken sich zum Beispiel arbeitsmarktpolitische Programme aus? Welche Stellschrauben gibt es, um Geflüchteten einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen? Ist eine Residenzpflicht sinnvoll? Seine Forschung und die darauf aufbauende Expertise sind für Herbert Brücker die entscheidende Grundlage für Gespräche mit Politikern und für Interviews in den Medien. Auf Basis seiner Erkenntnisse bezieht er klare Positionen. Seit mehreren Jahren tritt der IAB-Bereichsleiter für ein modernes Einwanderungsrecht in Deutschland ein – nicht zuletzt, um den demografischen Wandel zu bewältigen. Dabei werden Brücker und sein Team regelmäßig selbst aktiv: Sie speisen mit ihren Veröffentlichungen Informationen in gesellschaftliche Auseinandersetzungen ein und enttarnen mit ihren Ergebnissen Fehlannahmen. So ist längst die Behauptung widerlegt, Migranten würden einheimische Arbeitnehmer verdrängen. „Generell sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es sich auch auf die Beschäftigung und Löhne der Einheimischen positiv auswirkt, wenn sowohl Niedrig- als auch Hochqualifizierte nach Deutschland kommen“, schildert Ehsan Vallizadeh. „Die Konkurrenz betrifft vielmehr die Migranten selbst.“

Ein politisches Korrektiv

Wer Herbert Brücker und Ehsan Vallizadeh in ihren Büros im IAB begegnet – die Bundesagentur für Arbeit in Sichtweite –, kommt nicht um ein großes Wort umhin: Aufklärung. „Eine der überraschendsten Ergebnisse unserer Befragung von Geflüchteten, die wir im Herbst 2016 bei einer Bundespressekonferenz präsentierten, ist die Werteähnlichkeit mit

Herbert Brücker zeigt den IAB-Kurzbericht auf einer Bundespressekonferenz im Herbst 2016 in die Kamera. Er stellt dort die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von insgesamt 4.500 Geflüchteten vor. Sie schafft eine völlig neue Datengrundlage für die Analyse der Fluchtmigration und der Integration Geflüchteter.

Auf einer Bundespressekonferenz im Herbst 2016 stellte Prof. Herbert Brücker (rechts) die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von insgesamt 4.500 Geflüchteten vor. Sie schafft eine völlig neue Datengrundlage für die Analyse der Fluchtmigration und der Integration Geflüchteter. | Bild: Sophia Koenen, IAB

der deutschen Bevölkerung“, legt Brücker dar. Fragen und Vergleiche waren an den sogenannten „World Values Survey“ angelehnt. Das Ergebnis: 96 Prozent der befragten Geflüchteten unterstützten die Aussage, dass man ein demokratisches System haben sollte. „Es ist also eine spezifische Gruppe, die sich zur Flucht entschlossen hat“, schlussfolgert der Migrationsforscher. „Sie sind aufgrund demokratischer Vorstellungen nach Deutschland gekommen und sie teilen den Grundkonsens, den wir hier in dieser Gesellschaft haben.“

Behauptungen empirisch zu überprüfen und belastbare Grundlagen für Thesen zu liefern – das meinen die beiden IAB-Forscher, wenn sie von evidenzbasierten Befunden sprechen. Sind zum Beispiel Bildung, Sprachkompetenz oder kulturelle Weltbilder ausschlaggebend, wenn Integration nicht gelingt? „Wir zeigen mit unserer Forschung nicht nur die guten Seiten von Migration auf“, betont Ehsan Vallizadeh. „Wir weisen auch auf Probleme hin und ermitteln, wo Handlungsbedarf besteht. Aber wir tun das möglichst objektiv und empirisch belegt.“ Deswegen findet er ebenso wie Herbert Brücker die anekdotische Berichterstattung der Medien problematisch. „Das ist inhaltlich nicht falsch“, sagt Herbert Brücker, „aber eben nur ein Teil der Realität.“ Es ist bezeichnend, dass er von Geflüchteten und nicht von Flüchtlingen spricht; den Begriff „Flüchtlingswelle“ lehnt er entschieden ab.

Dr. Ehsan Vallizadeh steht auf einer Veranstaltung der Europäischen Kommission in Berlin am Mikrofon und redet über die Herausforderungen der Flüchtlingszuwanderung in Deutschland.

Dr. Ehsan Vallizadeh sprach auf einer Veranstaltung der Europäischen Kommission in Berlin über die Herausforderungen der Flüchtlingszuwanderung in Deutschland. | Bild: Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland/Jens Schlüter

Auch wenn Zahlen als Ergebnis oder Basis von Analysen zu seinem Kerngeschäft gehören, verstellt das für Herbert Brücker nicht den Blick darauf, welche Wirkung von Worten ausgeht. Nicht zum ersten Mal findet er sich im Zentrum einer wissenschaftlich-gesellschaftlichen Auseinandersetzung wieder. Hinsichtlich der EU-Osterweiterung fiel er noch vor seiner Habilitation mit der Einschätzung auf, dass der Umfang anstehender Migrationsbewegungen nach Deutschland überschätzt werde. Damals jedoch lag der Fokus der Debatte auf dem sozialen Status der Migranten – und „unfreundliche“ Nachrichten von Fremden landeten weder im realen noch virtuellen Posteingang. Das ist heute schon mal anders. Beeindrucken lässt sich Herbert Brücker davon nicht: „Forschung muss über Methoden und Schlussfolgerungen streiten“, so der IAB-Bereichsleiter. „Aber ich lehne Stereotype ab. Es bringt uns nicht weiter, pauschal eine Gruppe zu verurteilen.“ Es ist für ihn deswegen absolut inakzeptabel, „wenn das normativ Gewünschte die Ergebnisse treibt.“

Manch aktuelle Entwicklung beobachten die Forscher daher mit Sorge. „Wir liefern Fakten und Evidenz“, beschreibt Ehsan Vallizadeh seine Arbeit. „Die Ergebnisse werden allerdings gar nicht von solchen Gruppen wahrgenommen, die aus Überzeugung handeln. Wie kann man überhaupt Einstellungen beeinflussen, wenn nicht durchdringt, dass ein Fakt einer Überzeugung widerspricht?“ Mehr über Fluchtwege und Fluchterfahrungen, über die Steuerung von Migration zu lernen – das bleiben für Ehsan Vallizadeh und Herbert Brücker die großen Themen. Ihr Ziel: „Menschen zu verstehen und Daten zum Sprechen zu bringen.“

Text: Bettina Fettich-Biernath

Beitragsbild: Wolfram Murr

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