26. Mai 2017 |

Ganz nah dran: Langzeitarbeitslosigkeit als Fokusthema am IAB – eine Annäherung

Es ist ein grauer Mittwochnachmittag, an dem ich zum ersten Mal mit dem Thema Arbeitslosigkeit in Berührung komme. Bei Nieselregen suche ich eine Adresse in Nürnberg. Ich bin eine Frau, 29 Jahre alt, zufrieden mit dem Leben und mit dem, was es mir bietet. Arbeitslosigkeit, Hartz IV – diese Dinge spielen in meiner Welt keine Rolle. Für mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland ist das definitiv anders. Wer auf Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende angewiesen ist, also Hartz IV bezieht, gerät mehr als nur finanziell ins Abseits unserer sogenannten Wohlstandsgesellschaft. Das weiß auch Dr. Andreas Hirseland. Er forscht seit 2004 als Soziologe am IAB zu (Langzeit-)Arbeitslosigkeit. Das Forschungsfeld begleitet das IAB seit vielen Jahren und ist heute eines von vier Fokusthemen. Ich bin gespannt, was das bedeutet.

Mein Besuch im IAB verspricht zunächst eine staubige Angelegenheit zu werden: Es wird gerade umgebaut, es wird geklopft und gesägt, Baustaub durchzieht den Eingangsbereich und das Erdgeschoss. „Unbekannte schaut verwirrt und suchend. Sind Sie Frau Kruppert?“. Dr. Andreas Hirseland lacht, ich nicke und bin verblüfft. Humor hatte ich in einem Forschungsinstitut nicht erwartet. Es soll nicht das einzige Vorurteil sein, das mir an diesem Tag genommen wird. Wir fahren mit dem Aufzug nach oben. In Hirselands Büro ist es ruhig, gar nicht staubig. Auf seinem Computerbildschirm laufen gezeichnete Figuren durchs Bild. Wie ich später erfahre, ist das der Bildschirmschoner auf allen Computern im IAB und sämtlichen Einrichtungen der Bundesagentur für Arbeit. Die Figuren haben was von Loriot, denke ich, und fange an zu fragen.

Andreas Hirseland ist im Forschungsbereich „Erwerbslosigkeit und Teilhabe“ tätig und beschäftigt sich mit den Lebensumständen erwerbsfähiger Hilfebedürftiger und anderer Erwerbsloser. Im Vordergrund stehen dabei ihre Teilhabe am sozialen Leben und ihre Integration in die Arbeitsgesellschaft. „Arbeitslosigkeit ist seit jeher ein Thema jeder modernen Gesellschaft, selbst wenn es dem deutschen Arbeitsmarkt seit ein paar Jahren wieder spürbar besser geht“, sagt Hirseland. Denn obwohl sich die Arbeitslosenquote positiv entwickelt hat, treten auch strukturelle Probleme stärker zutage. Das heißt: Der Bezug von SGB-II-Leistungen ist häufig kein kurzfristiges, vorübergehendes Ereignis, sondern viele Leistungsbezieher und ihre Familien sind über Jahre hinweg auf Hartz IV angewiesen.

Dr. Andreas Hirseland forscht seit 2004 am IAB zum Thema (Langzeit-)Arbeitslosigkeit. | Foto: Wolfram Murr, Photofabrik

Natürlich haben sich die Fragestellungen am IAB an den Lauf der Zeit angepasst, und doch forscht das IAB schon seit den 1970er-Jahren zum Thema Arbeitslosigkeit. „Kernfragen unseres Forschungsbereichs sind derzeit zum Beispiel, wie Arbeitslosigkeit das Leben eines Menschen, aber auch seine Teilhabe am sozialen Leben verändert. Was hindert ihn daran, zu arbeiten, und was muss passieren, um ihn wieder in Arbeit zu bringen?“

Zur Beantwortung dieser Fragen führen Andreas Hirseland und viele seiner Kollegen und Kolleginnen quantitative und qualitative Analysen der Lebenszusammenhänge von Menschen, insbesondere im Hartz-IV-Bezug, durch. „Eine quantitative Befragung erfolgt mittels eines vorab festgelegten, meist recht umfassenden Fragenkatalogs, der nur begrenzte Antwortmöglichkeiten zulässt. Also einfach gesagt: Eine Abfrage von Fakten und Daten, auch zu Einstellungen. In unserer qualitativen Forschung geht es darum, die Menschen in ihrem Zuhause in Form ausführlicher und sehr offener Gespräche von ihrem Leben, ihren Erfahrungen und Erlebnissen berichten zu lassen“, erläutert Andreas Hirseland.

Im Mittelpunkt dieser Befragungen stehen die Dynamiken von Hilfebedürftigkeit: Wie kommt jemand in eine Situation, in der er Hilfe benötigt? Warum verfestigt sich diese Hilfebedürftigkeit? Und wieso kommen Personen da nicht mehr raus? Welche Wechselwirkungen ergeben sich aus Alltagspraxis und Biografie der Betroffenen, den gesellschaftlichen Kontexten und den betreuenden Einrichtungen? Wie bewerten die Betroffenen selbst die Situation, und wodurch ließe sich diese verbessern?

Dr. Andreas Hirseland untersucht das Thema Langzeitarbeitslosigkeit nicht nur vom Schreibtisch aus. | Foto: Wolfram Murr, Photofabrik

Um diesen Nuancen im Leben von langzeitarbeitslosen Menschen auf die Spur zu kommen, gehen IAB-Forscherinnen und -Forscher wie Andreas Hirseland in ihren qualitativen Interviews sehr ins Detail. Er lässt sich sehr genau von der Kindheit, der Jugend, den jetzigen Lebensumständen erzählen. Auf Ablehnung stößt er dabei selten: „Wenn wir ins Feld gehen, sind wir keine Spione. Die Leute wissen, dass wir vom IAB kommen, und sie freuen sich oft darüber, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für ihre Lebenssituation interessieren und dass deren Forschungsergebnisse auch in die Beratung von Politik und Arbeitsverwaltung einfließen. Viele Befragte haben so das Gefühl, ernst genommen und gehört zu werden. Auch sehen viele in den offenen Interviews eine Gelegenheit, mit dem Bild vom saufenden, faulen, ungepflegten Hartz-IV-Empfänger aufzuräumen.“

Etwas beitragen, arbeiten zu wollen, aber keine Gelegenheit dazu zu bekommen, das frustriert. Das macht mürbe. Das macht auch einsam. Arbeitslosigkeit wirkt sich in vielen Fällen darauf aus, wie sehr jemand noch am sozialen Leben teilhaben und etwas beitragen kann, zum Beispiel in Vereinen oder selbst im eigenen Familienumfeld. Finanzielle Not, aber auch Scham spielen hier eine Rolle. Teils schockierende Lebensumstände, zu denen man sich doch möglichst objektiv positionieren muss: „Natürlich wahren wir eine gewisse Distanz. Wir reden mit den Menschen als Soziologen, wir übernehmen nicht die Rolle eines Psychologen oder Sozialhelfers.“

Ich frage Andreas Hirseland, wie er selbst die Menschen sieht, deren Lebensumstände er untersucht: „Das sind in der Mehrzahl Menschen, die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind, die aber sehr wohl in der Lage wären, unter bestimmten Bedingungen zu arbeiten, die willens sind zu arbeiten, aber für die sich genau das fast als Unmöglichkeit darstellt.“ Ich bin verdutzt. Wer motiviert ist und willens zu arbeiten, bekommt keine Chance? Angesichts der Anzahl offener Arbeitsstellen, die die Bundesagentur für Arbeit vor kurzem für das Jahr 2017 veröffentlicht hat, erscheint mir das paradox. Derzeit suchen deutsche Betriebe so viele Arbeitskräfte wie nie zuvor. Das bestätigt der Stellenindex BA-X der Bundesagentur für Arbeit. Freie Jobs gibt es derzeit in jeder Branche. „So einfach ist das eben nicht.“, kontert Hirseland. „Ein Beispiel: Ich habe eine Familie in einem Dorf mit drei Häusern im hintersten Winkel Brandenburgs besucht. An der einzigen Bushaltestelle in diesem winzigen Nest hing ein Zettel: ‚Wir freuen uns, dass wir wieder einmal täglich einen Bus anbieten können’. Die nächste Stadt liegt 30 Kilometer entfernt, einmal am Tag fährt ein Bus, die Familie hat kein Auto.“

Die qualitative Forschung bezieht auch die persönlichen Lebensumstände der Betroffenen mit ein. | Foto: Thomas Schreiber, psbrands

Er berichtet mir von Eltern, die nie gelernt haben, selbstständig einen Haushalt zu führen und selbst eine schlimme Kindheit hatten. Wir sprechen über Väter, die gesundheitlich eingeschränkt und schlecht ausgebildet sind, von Familien mit behindertem Kind, das ständige Betreuung braucht, von Elternteilen, die gerne einige Stunden am Tag arbeiten würden, aber nur bestimmte Arbeiten verrichten können. Manchen Familien steht keine geeignete Betreuung für ihre Kinder zur Verfügung oder sie haben keine Möglichkeit, einen Arbeitsplatz zu erreichen. „Wie sollen diese Menschen in Arbeit kommen, frage ich Sie?“ Ich sage nichts.

Hirseland nennt mir Ergebnisse aus der quantitativen Forschung des IAB, die mit Fragebögen arbeitet und auf diese Weise weit mehr Menschen befragen kann, auch wenn sie nicht ganz so nah an die einzelnen Fälle und deren Lebensumstände herankommt. Es bestätigt sich, dass sich vielen Hartz-IV-Beziehenden so viele widrige Faktoren – Vermittlungshemmnisse – in den Weg stellen, dass es tatsächlich schier unmöglich erscheint, einen Job zu finden. Besonders betroffen sind Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, Menschen über 50, mit zu niedrigen Bildungsabschlüssen oder unzureichender Berufsausbildung, mit mangelnden Sprachkenntnissen oder Alleinerziehende. Die meisten Langzeitarbeitslosen weisen multiple Vermittlungshemmnisse auf. Schon wenn man nur zwei aufweist, sinkt die Wahrscheinlichkeit, in den ersten Arbeitsmarkt integriert zu werden, auf acht Prozent.

Also alles aussichtslos? Nicht ganz. In der laufenden Studie „Erwartungswidrige Übergänge aus der Grundsicherung in ungeförderte Beschäftigung“, die von den IAB-Forschungsbereichen „Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ und „Erwerbslosigkeit und Teilhabe“ durchgeführt wird, konnten 66 Fälle identifiziert werden, in denen Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen entgegen jeder statistischen Wahrscheinlichkeit doch wieder in Arbeit gekommen sind. „Die Abläufe in diesen Fällen wollen wir natürlich rekonstruieren. So einen Übergang schafft man nicht allein. Was hat die Person selbst, was haben andere dazu beigetragen, was hat das zuständige Jobcenter in diesem speziellen Fall vielleicht anders gemacht als sonst?“, erklärt Hirseland. Das IAB vergleicht diese Fallgeschichten, sucht nach Übereinstimmungen und Regelmäßigkeiten. „Wir wollen feststellen, was Jobcenter tun können, damit so etwas noch viel öfter zustande kommt.“ Auf Grundlage solcher Ergebnisse können in den Jobcentern Maßnahmen und Programme entwickelt werden, die dazu führen können, die Zahl von Langzeitarbeitslosen in Deutschland zu reduzieren.

Ob er das Gefühl habe, mit seiner Arbeit etwas zu bewegen, frage ich ihn noch, bevor ich gehe. „Was wir tun, zählt. Aber wir haben natürlich kein rotes Telefon mit direkter Leitung zur Regierung und den Behörden. Wir können und wollen auch keine Anweisungen erteilen. Die Ergebnisse der Arbeit meiner Kollegen oder Kolleginnen und von mir fließen aber in die wissenschaftliche Politikberatung ein – was aus diesen Ergebnissen und Empfehlungen gemacht wird, liegt dann in anderen Händen.“ „Loriots“ Figuren ziehen endlose Bahnen über Hirselands Bildschirm. Staubschwaden ziehen durch das Erdgeschoss. Ich ziehe los – auf der Suche nach dem roten Telefon.

Text: Birke Kruppert
Beitragsbild: Thomas Schreiber, psbrands

23. August 2017

Frauen fliegen nicht – Berufsforschung am IAB im Wandel der Zeit

Weiterlesen

19. Juli 2017

Wissenschaft trifft Praxis: Berufe in der digitalisierten Arbeitswelt

Weiterlesen

17. Juli 2017

Wie können alle vom Wirtschaftsaufschwung profitieren? Diskussionen über Mindestlohn, Migration und Mentoren

Weiterlesen