25. Oktober 2017 |

Nürnberger Gespräche: Fake News statt Fakten. Echoräume statt Dialog. Dringt die Wissenschaft noch durch?

Wie entstehen Fake News? Warum wird ihnen mitunter mehr Glauben geschenkt als der seriösen Berichterstattung klassischer Medien? Warum ziehen sich immer mehr Menschen in hermetisch abgeschlossene Filterblasen zurück, wo nur das durchdringt, was man hören will? Und wie lassen sich diese Menschen wieder erreichen? Wie stark beeinflussen Fake News und „gefühlte Wahrheiten“ den öffentlichen Diskurs und die Politik? Und was ist zu tun, damit wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse im öffentlichen Raum wieder stärker wahrgenommen werden? Um diese Fragen ging es bei den Nürnberger Gesprächen, die am 16. Oktober 2017 im Heilig-Geist-Spital stattfanden und vom FAZ-Journalisten Sven Astheimer moderiert wurden. Das IAB griff mit dieser Veranstaltung im 50. Jahr seines Bestehens ein Thema auf, welches in hohem Maße die Wissenschaft selbst, und damit auch die Arbeit des IAB, betrifft. Dessen Arbeit wurde zu Beginn der Veranstaltung in einem kurzen Animationsfilm vorgestellt.

Möller: „Wahrheit darf nicht beliebig werden.“

IAB-Direktor Prof. Dr. Joachim Möller

IAB-Direktor Prof. Dr. Joachim Möller

In seinem Eingangsreferat erinnerte IAB-Direktor Joachim Möller daran, dass gezielte Falschmeldungen zur Diskreditierung Andersdenkender keineswegs ein neues Phänomen seien, wie etwa Flugschriften aus dem Dreißigjährigen Krieg belegen. Neu sei aber die Geschwindigkeit, mit der Fake News heute verbreitet werden. Möller warnte vor einer Relativierung von Erkenntnissen, wenn Fake News und wissenschaftlich abgesicherte Befunde quasi auf einer Stufe stünden. Als Beispiel führte er an, dass an manchen amerikanischen Schulen Evolutionstheorie und Kreationismus als gleichberechtigte Fächer unterrichtet werden. „Die Wahrheit darf nicht beliebig werden. Sonst fallen wir in eine Situation vor der Aufklärung zurück“, zeigte sich Möller besorgt. Dass Fake News und „gefühlte Wahrheiten“ auch hierzulande auf fruchtbaren Boden fallen, sei auch der Tatsache geschuldet, dass Entwicklungen wie Globalisierung und Digitalisierung die Welt komplexer und unübersichtlicher machen. „Gefühlte Wahrheiten“ reduzierten diese Komplexität und kämen damit einem menschlichen Bedürfnis entgegen. Wenn die Wissenschaft dem glaubhaft entgegentreten wolle, brauche sie neben der Evidenzbasierung auch Transparenz und Verständlichkeit. Dazu gehört es laut Möller auch, vorhandene Unschärfen (etwa bei Konjunkturprognosen) sowie mögliche Interessenskonflikte offenzulegen. So müssten die Leserinnen und Leser stets darüber informiert werden, wer eine wissenschaftliche Studie finanziert hat.

Stauss: Vernetzung der Dorfdeppen

Frank Stauss, Wahlkampfexperte und Geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur BUTTER

Frank Stauss, Wahlkampfexperte und Geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur BUTTER

Frank Stauss, Wahlkampfexperte und Chef einer Kommunikationsagentur, sieht weniger in den neuen Technologien den „Ursprung allen Übels“, sondern im abnehmenden Wissen über gesellschaftliche und politische Zusammenhänge. Mit dem Rückgang verkaufter Tageszeitungen gehe Wissen verloren. Auch wer nur Sportnachrichten lese, schnappe beim Blättern immer auch Nachrichten aus Wirtschaft, Politik und Kultur auf und eigne sich damit gleichsam „Kollateralwissen“ an. Anders bei der Nachrichtensuche im Netz: Hier, so glaubt Stauss, gehe es eher um die „Bestätigung des eigenen Vorurteils“. Dass dies heute leichter ist als früher, illustrierte Stauss mit dem Bild des Dorfdeppen. Früher habe dieser versucht, zwei oder drei Leute aus seinem Dorf zu überzeugen. Wenn dies nicht fruchtete, habe er es bleibenlassen. Heute könne er sich mit Gleichgesinnten vernetzen und sich dadurch in seiner Meinung bestätigt fühlen. Gleichwohl gibt Stauss den Kampf gegen Fake News mitnichten verloren: „Je mehr wir über Fake News sprechen, desto eher sind die Menschen in der Lage, diese zu erkennen.“

Prenzel: „Fake News wie Falschgeld behandeln“

Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Prenzel, Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Bildungsforschung an der Technischen Universität München und ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftsrat

Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Prenzel, Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Bildungsforschung an der Technischen Universität München und ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftsrats

Manfred Prenzel, Professor für Empirische Bildungsforschung an der TU München und ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftsrats, wollte Stauss‘ Diagnose nur bedingt beipflichten. Prenzel sieht weniger ein abnehmendes Wissen als ein abnehmendes Interesse an Politik. Zudem seien keineswegs nur bildungsferne Schichten empfänglich für Fake News. Um sich besser gegen Fake News zu wappnen, schlägt Prenzel vor, diese wie Falschgeld zu behandeln und sie wie Geldscheine auf Merkmale der Echtheit zu prüfen. Fake News gingen oft mit Panikmache einher. Die Menschen müssten daher lernen, die tatsächlichen Risiken realistisch einzuschätzen. Gefragt sei auch die Fähigkeit, Zahlen richtig einordnen und beurteilen zu können. An die Wissenschaft richtete Prenzel den Apell, stärker mit den Bürgerinnen und Bürger in den Dialog zu treten.

Neuberger: „Das Internet stellt höhere Anforderungen an die Medienkompetenz.“

Prof. Dr. Christoph Neuberger, Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München

Für Professor Christoph Neuberger, Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, stellt das Internet höhere Anforderungen an die Medienkompetenz der Bevölkerung. Diese gelte es zu stärken – nicht als eigenes Schulfach, sondern als Querschnittskompetenz. Zugleich dürfe die Rolle der sozialen Medien auch nicht überschätzt werden: Diese allein seien nicht skandalisierungsfähig. Nach Einschätzung von Neuberger ist dies erst dann der Fall, wenn die Themen auch von den klassischen Medien aufgegriffen würden, zumal diese Umfragen zufolge nach wie vor ein hohes Vertrauen in der Bevölkerung genössen. Der vielfach behauptete Vertrauensverlust der Presse sei nichts als ein Mythos. Auch sei die Transparenz in diesem Bereich höher denn je. „Der Journalismus ist lernfähig und auf einem guten Weg“, zeigt sich Neuberger überzeugt.

Maly: „Die digitale Spaltung besteht nicht im Zugang zum, sondern im Umgang mit dem Netz.“

Dr. Ulrich Maly, Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, fasste in seinem Schlusswort in gewohnt gekonnter Manier wichtige Erkenntnisse und Lehren der Diskussionsrunde zusammen, die naturgemäß nur einige Aspekte des vielschichtigen Themas aufgreifen konnte. Zur großen Erheiterung des Auditoriums zitierte Maly eine Umfrage, der zufolge ein Drittel der Bundesbürger glaubt, die Bundesregierung werde in Wirklichkeit von einer uns noch nicht bekannten Macht gesteuert – für das Stadtoberhaupt ein klarer Hinweis darauf, dass die Zahl der von Frank Stauss eingangs als „Dorfdeppen“ titulierten Personen doch höher sei als vielfach vermutet. „Die digitale Spaltung“, betonte Maly, „besteht nicht im Zugang zum, sondern im Umgang mit dem Netz.“ Es gelte daher, die Datensouveränität als Kulturtechnik zu stärken – was mindestens ebenso wichtig sei wie der Ausbau der digitalen Infrastruktur. Wissenschaft, Journalismus und Politik leiden laut Maly darunter, dass die Deutungshoheit heute schwieriger geworden sei „als zu Zeiten von drei Fernsehsendern und drei schriftlichen Leitmedien“. Eine Verlagerung politischer Verantwortung auf das Netz sieht Maly kritisch. Denn politische Verantwortung i.S.v. Max Weber setze immer voraus, dass man am Ende immer die Spur zu dem verfolgen kann, der die Entscheidung getroffen hat. Im Netz passiere genau das Gegenteil.

 

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg ausgerichtet.

Kontakt: Martin.Schludi@iab.de

Alle Fotos: Jutta Palm-Nowak, IAB

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