3. April 2017 |

Das Ende 4.0? Am IAB begegnet man dem Schreckgespenst Digitalisierung mit Sachlichkeit

Jobkiller oder Jobknüller? Diese Frage begleitet das IAB in Hinblick auf die Zusammenhänge zwischen Arbeitsmarkt und technischem Wandel schon von Anfang an. Erst die Automation, dann die Computerisierung, jetzt die Digitalisierung. Das Ende der Arbeit wurde schon oft prognostiziert und ist eben doch nie eingetreten. Also alles nur halb so wild? Am IAB beschäftigen sich unter anderem Prof. Enzo Weber und Dr. Florian Lehmer mit der Zukunft der Arbeit. Der Hysterie rund um „Wirtschaft 4.0“ treten sie betont sachlich entgegen. Wo andere Forscher die rosarote Brille aufsetzen oder die Alarmglocken läuten, üben sie sich in nüchterner Analyse. Fakt ist: die Digitalisierung wird unsere Arbeitswelt weiter verändern. Ob zum Guten oder Schlechten liegt nicht zuletzt an der Art und Weise, wie Politik und Wirtschaft den Anpassungsprozess gestalten.

Noch scheint sie eher Inhalt von Science-Fiction-Filme zu sein: Eine Welt, in der Roboter und Maschinen das Ruder übernehmen und menschliche Arbeitskraft überflüssig wird. Doch so weit, wie viele meinen, ist sie nicht mehr weg, die Zukunft, in der sich die vierte industrielle Revolution rasant vollzieht und nicht nur unsere Arbeitswelt gehörig durcheinanderwirbelt. „Arbeit 4.0“, gurrt es schon jetzt von den Dächern. Verheißungsvoll? Unheilvoll? In jedem Fall geheimnisvoll. Denn noch ist sie im Großteil der Gesellschaft nicht angekommen, die Arbeitsrealität von morgen mit all ihren Konsequenzen. Also alles nur ein Hype? Am IAB prüft man zunächst genau, wie viel Schlagkraft das Schlagwort der Gegenwart tatsächlich besitzt. „Technologischen Fortschritt gibt es seit Jahrtausenden, und er löst immer wieder die gleichen Befürchtungen aus: Schon das Fließband sollte das Ende der Arbeit bringen, dann der Computer und jetzt eben 4.0“, sagt Prof. Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und Strukturanalysen“, auffallend gelassen. Wer auszieht, einem Schreckgespenst den Schrecken zu nehmen, muss offensichtlich Ruhe bewahren.

Neue Qualität der technischen Entwicklung

Kalt lässt das Thema das IAB natürlich nicht. 2015 werden die Digitalisierung und ihre möglichen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in den Rang eines Fokusthemas am Institut erhoben. Dazu beigetragen hat letztlich auch das Einholen anekdotischer Evidenz, wie es Dr. Florian Lehmer, Leiter der Arbeitsgruppe „Arbeit in der digitalisierten Welt“, augenzwinkernd nennt: „Wir waren damals viel in der Praxis unterwegs, haben uns angeschaut, was sich bewegt bei den Ingenieuren oder den Maschinenbauern im Automobilsektor, uns also mit Menschen vernetzt, die sich professionell mit der Zukunft von Technik beschäftigen. Und wir haben festgestellt, dass es sich in diesem Fall tatsächlich um eine neue Qualität der technischen Entwicklung handelt. Bislang war es ein evolutionärer Prozess, der begleitbar war und dessen Auswirkungen absehbar waren. Jetzt könnte es auch disruptiv werden. Deshalb musste Digitalisierung ein Fokusthema werden, um Expertise hier noch zielorientierter zu bündeln.“

Wer gewinnt, wer verliert?

Bild: panthermedia.net/sarah5

Grund zur Panik gibt es nach Einschätzung von Enzo Weber und Florian Lehmer angesichts der anstehenden digitalen Revolution aber nicht. Sich zurückzulehnen und bequem der Dinge zu harren, die da kommen, sei aber ebenso wenig ratsam. Der wissenschaftliche Blick in die Zukunft zeigt: Die Beschäftigung bleibt uns erhalten, auch wenn es jede Menge Bewegung gibt. 1,5 Millionen Jobs werden durch die Digitalisierung sukzessive zusätzlich verschwinden, dafür 1,5 Millionen neue Jobs hinzukommen. Um seinen Platz auf dem Arbeitsmarkt zu sichern, müsse man allerdings nicht Programmierer werden, sagt Enzo Weber. „Es heißt aber schon, dass jeder für sich verstehen muss, wie digitale Vernetzung funktioniert und für sich herausfinden muss, was er dazu beitragen kann. Tut man das nicht, steigt das Risiko, früher oder später unter die Räder zu kommen.“

Wer also hat das Nachsehen, wenn die Wertschöpfungskette vollständig digital gesteuert wird? Bedroht von der Vernetzung der virtuell-digitalen und physischen Welt sind vor allem Routine-Tätigkeiten. „Dieses Mal wird es neben den Niedrigqualifizierten auch die Arbeitnehmer im mittleren Segment betreffen, Facharbeiter zum Beispiel oder Bankangestellte “, sagt Enzo Weber. Zwölf bis 15 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten derzeit in Berufen mit großen Anteilen an automatisierbaren Tätigkeiten, könnten also mit hoher Wahrscheinlichkeit von Maschinen ersetzt werden. Wer jetzt schon wissen will, wie gut oder schlecht es um die eigene Beschäftigung steht, kann mit dem von Dr. Britta Matthes, Leiterin der Forschungsgruppe „Berufliche Arbeitsmärkte“ am IAB, für die ARD entwickelten „Job-Futuromaten“ einen Blick in seine berufliche Zukunft werfen. Das Programm ermittelt den Automatisierungsgrad der dem Beruf zugeschriebenen typischen Tätigkeit und damit das Substituierungspotenzial des jeweiligen Berufs.

Ob es wirklich so kommt, lässt sich derzeit nicht mit absoluter Sicherheit sagen. „Die Ermittlung und Darstellung des Substituierungspotenzials von Berufen ist wichtig, aber nicht die ganze Geschichte. Wer hier stehenbleibt, sieht nur Horrorszenarien und Roboter, die gierig nach unseren Berufen greifen“, erklärt Enzo Weber. Ginge es nur um die technologische Machbarkeit, sähe vieles anders aus. Es fließen deshalb auch ethische und rechtliche Aspekte in die Prognosen des IAB mit ein. „Das autonome Fahren wird grundsätzlich kommen, aber in Deutschland wird es in absehbarer Zukunft noch nicht großflächig umgesetzt werden können“, macht Weber deutlich. Noch wichtiger sei es, neben der Entwicklung der technologischen Möglichkeiten auch die ökonomischen Anpassungsreaktionen zu betrachten. Erkenntnisse, die aus einer der ersten gesamtwirtschaftlichen Studien zu den Effekten der Digitalisierung stammen, für die das IAB verantwortlich zeichnet: „Die Stärke unseres Ansatzes ist, dass er sehr umfassend ist und sehr viele Dinge in einem System berücksichtigt. Das ist das Entscheidende, wenn man eine Gesamtwirkung der Digitalisierung haben will“, sagt Enzo Weber. Die Zukunft als Ansammlung von Gleichungen und Zusammenhängen, Arbeitsmarktdaten, der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung – eine Modellwelt, in die nun „Wirtschaft 4.0“ injiziert wird, mit all ihren mannigfaltigen Komponenten.

Nicht klagen, sondern machen

Eine Roboterhand und eine menschliche Hand schütteln sich gegenseitig.

Bild: panthermedia.net/ra2studio

Niet- und nagelfest ist es nicht, das Szenario 4.0. Sicher ist aber, dass die Anpassung an die neuen Arbeitsumstände nicht ohne klaren Gestaltungsplan geschehen darf. „Es gibt Arbeit“ – nicht umsonst hat Enzo Weber seine Prognosen zu den Auswirkungen der Digitalisierung immer wieder unter diesem doppeldeutig anmutenden Titel publiziert. Dabei geht es ihm auch darum, die „richtige Perspektive“ in die aktuelle Debatte zu bringen: „Sich an den Fragen aufzureiben, wie man das Verschwinden der Beschäftigung vermeidet oder ob wir ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen, weil am Ende womöglich nur noch jene ein Einkommen haben, die Roboter besitzen, ist vergebliche Liebesmüh. Unsere Studie sagt stattdessen: Man muss den Transformationsprozess managen. Das hat in der Vergangenheit nicht immer gut funktioniert.“ Nicht klagen, sondern machen. Die Erkenntnisse des IAB sind maßgeblich in das – von Experten durchaus geschätzte – „Weißbuch Arbeiten 4.0“ von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles eingeflossen.

Investition in Weiterbildung

Eine weitere aktuelle gesamtwirtschaftliche Betriebsbefragung mit erstmals repräsentativen Ergebnissen, die Florian Lehmer mitinitiierte, zeigt, in welchem Maß Betriebe in Deutschland schon jetzt moderne digitale Technologien einsetzen. Das Ergebnis ernüchtert eher: Ein gutes Drittel der befragten Betriebe hat noch nichts am Hut mit Wirtschaft 4.0, der Dienstleistungssektor zeigt sich hier investitionsfreudiger als die Produktionsbranche, vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen treten in Sachen Digitalisierung auf der Stelle oder meinen, hier wenige Vorteile für sich zu sehen.

Screenshot der Seite https://job-futuromat.ard.de/

Mit dem für die ARD entwickelten „Job Futuromaten“ kann jeder Beschäftigte einen Blick in seine berufliche Zukunft werfen.

Eine der großen Herausforderungen für Politik und Wirtschaft wird es daher sein, Beschäftigte und kleinere Betriebe gleichermaßen auf den technischen Wandel vorzubereiten. Auch die Aus- und Weiterbildung wird hier eine zentrale Rolle spielen. So wird beispielsweise der Weiter- und Neuqualifizierungsberatung ein hoher Stellenwert zukommen. „Neben den die Debatten beherrschenden Änderungen des Arbeitskräftebedarfs muss auch die Entwicklung des Arbeitskräfteangebots mitgedacht werden“, resümiert Enzo Weber. Vor allem konzeptionelles und kreatives Denken, Abstraktions- und Kommunikationsfähigkeiten müssten gefördert und ausgebaut werden. Der Mensch wird sich auf seine Stärken besinnen müssen, wenn er mithalten will im virtuell-digitalen Wettbewerb.

Text: Katharina Raab

Beitragsbild: panthermedia.net/iLexx

 

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