23. August 2017 |

Frauen fliegen nicht – Berufsforschung am IAB im Wandel der Zeit

Arzt oder Müllmann? Berufe haben viel damit zu tun, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Chancen wir ihnen im Leben zuschreiben. Als die Berufsforschung 1967 am IAB beginnt, bestimmt noch eine ganz andere Frage die öffentliche Diskussion: Was kann Forschung der damaligen Bundesanstalt für Arbeit und ihren Beraterinnen und Beratern an die Hand geben, um Berufsaussichten adäquat einzuschätzen und Berufe mit Zukunft besser zu benennen? Der Mangel an Fachkräften ist damals hoch, der Bedarf an einer fundierten Berufsberatung auch. Karen Schober, bis 1995 stellvertretende Leiterin des Bereichs „Berufsforschung“ am IAB, erlebt diese erste Blütephase ihrer Disziplin, die Ende der 1990er-Jahre einen Teil ihrer Eigenständigkeit einbüßt und in andere Forschungsgruppen integriert wird. 2009 reanimiert sich die Berufsforschung und profiliert sich wieder als eigene Forschungseinheit – mit neuem Selbstbewusstsein und klarem Ziel. Dr. Britta Matthes, Leiterin der Forschungsgruppe „berufliche Arbeitsmärkte“, und Dr. Bernhard Christoph, Leiter der Arbeitsgruppe „Berufsforschung“, wollen Berufe in der Forschung heute als zentrales Konzept für die Beschreibung und Erklärung sozialer Ungleichheit etablieren.

Porträt von Karen Schober | Foto: Fabian Birke

Karen Schober | Bild: Fabian Birke

Es gibt viele Disziplinen, die Systematiken und Thesauren konstruieren. Da wären etwa das Periodensystem von Mendelejew oder Meyer und natürlich Carl von Linnés Nomenklatur der Botanik. In ähnlich akribischer Tradition steht wohl die Klassifizierung der Berufe, die die rund 35.000 Berufsbenennungen nach Tätigkeitsfeldern und Wirtschaftsbereichen ordnet und es somit ermöglicht, Berufe und deren Veränderungen statistisch zu erfassen und zu beschreiben. Auf dieser Basis hat das IAB Ende der 1960er Jahre unter seinem ersten Direktor Dieter Mertens damit begonnen, Berufe im Hinblick auf deren Arbeitsmarkt- und Beschäftigungssituation und deren Zukunftsaussichten zu analysieren. Ein Vorhaben mit Gewicht – im wahrsten Sinne des Wortes –, denn herausgekommen ist 1974 ein dickes Kompendium, das „ABC-Handbuch“. Dieses Werk führte, differenziert nach Berufen, Ausbildungswegen und Wirtschaftszweigen, für die Beratungs- und Vermittlungsdienste der damaligen Bundesanstalt für Arbeit alle verfügbaren beschäftigungsrelevanten Informationen aus Forschung und Statistik zusammen. Denn wichtigstes Ziel der Berufsforschung in den Anfängen des IAB ist die Bereitstellung von belastbaren Aussagen für die Praxis und Politik der Bundesanstalt für Arbeit zur Einschätzung der Beschäftigungsaussichten in den verschiedenen Berufsbereichen. „Ein Fundament, das immer noch trägt“, findet Karen Schober, damals Projektleiterin am IAB.

Diese berufsspezifischen Strukturdaten werden heute nicht mehr in gedruckter Form, sondern für jeden zugänglich im Internet präsentiert – im umfangreichen „Berufenet“ der Bundesagentur für Arbeit und dem Online-Portal „Berufe im Spiegel der Statistik“ des IAB. Beide kommen den Bedürfnissen unterschiedlichster Abnehmer entgegen, darunter den Beratungs- und Vermittlungsdiensten der Bundesagentur, der Statistik, der Forschung und natürlich auch den Ratsuchenden und Arbeitnehmern. Aktualisiert wird die zugrunde liegende Berufedatenbank regelmäßig – in Zeiten des digitalen Wandels ist das wichtiger denn je. „Wir erfinden keine neuen Berufe, wir finden und sammeln sie“, erläutert Dr. Britta Matthes, „wir haben unsere Fühler überall: auf dem Arbeitsmarkt, bei Stellenausschreibungen, Arbeitsvermittlern oder Verbänden.“ Taucht eine neue Berufsbezeichnung auf, wird sie erst einmal geprüft. Hat sie eine eigene Qualität oder kann sie einem anderen Beruf zugeordnet werden? Diese Flexibilität der Berufslandschaft ist schon zu Karen Schobers Zeiten am IAB ein zentrales Forschungsfeld. Und auch der Arbeitnehmer ist heute wandlungsfähiger denn je: „Eine Berufs- und Hochschulausbildung sollte als Türöffner verstanden werden, sie gibt den Weg frei in einen Raum, in dem sich weitere Türen öffnen. Allein die Anzahl der Türen hat sich heute vergrößert. Ich kann heute eine Ausbildung zum Schreiner machen und – nach einem weiterführenden Studium – später trotzdem als Ingenieur für Produktionsprozesse von Möbeln arbeiten“, so Matthes.

Das soziale Geschlecht

Porträt von Dr. Bernhard Christoph | Wolfram Murr

Dr. Bernhard Christoph | Bild: Wolfram Murr

Türen, die vor allem für Frauen in den 1960er- und 1970er-Jahren oft verschlossen bleiben. Eine Tatsache, an der auch die Wissenschaft damals nicht ganz unschuldig ist, weil sie ausgehend vom Status quo Zukunftsszenarien entwickelt – und damit in der Retrospektive schon mal für Verwirrung sorgt. In seinem offenbar auf Informationen des IAB fußenden „Berufsreport“ rät der „Stern“ 1970 beispielsweise Frauen davon ab, Pilotin werden zu wollen. Was heute amüsiert, ist für Dr. Britta Matthes ein klares Relikt aus den Berufsbeschreibungen der 1920er- und 1930er-Jahre und natürlich Ausdruck einer patriarchal geprägten Gesellschaft. Empfehlungen dieser Art gehören am IAB schon lange der Vergangenheit an.

Das soziale Geschlecht selbst ist freilich nicht aus der Berufsforschung verschwunden. „Berufe sind häufig immer noch durch Geschlechterklischees geprägt.“ Eine Tatsache, die auch nach Gleichstellungsaspekten problematisch sei, da jeder Beruf mit einer spezifischen Entlohnung verbunden ist, verdeutlicht Bernhard Christoph: „Ein steigender Frauenanteil in einem Beruf korreliert mit niedriger Entlohnung. Das heißt: Sind mehr Frauen in einem Beruf beschäftigt, sinkt dessen Einkommensschnitt.“ Auch solche Aspekte fließen heute in die Berufsforschung ein. Als Leiter der Arbeitsgruppe „Berufsforschung“ sorgt Christoph dafür, dass alle wissenschaftlichen Projekte am IAB mit entsprechenden Anknüpfungspunkten horizontal vernetzt und interdisziplinär diskutiert werden.

Multidisziplinarität als Maxime

Porträt von Dr. Britta Matthes | Wolfram Murr

Dr. Britta Matthes | Bild: Wolfram Murr

Organisationsstrukturen, die sich immer wieder verändert haben, seit Karen Schober 1970 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Soziologin in das junge Institut eintritt, dabei viel durchs Land reist und unter anderem die Beratungskompetenz von Fachkräften der damaligen Bundesanstalt in der Beurteilung von Berufsaussichten schult. Vernetztes Arbeiten ist damals bereits unabdingbar und auch heute ein großes Ziel der Berufsforschung am IAB. Dabei ist es wichtig, in viele Richtungen zu schauen: „Die Berufsforschung an sich gibt es gar nicht. Wir arbeiten in einem höchst multidisziplinären Bereich mit vielen Facetten“, sagt Matthes. Statt sich in Beschreibungen zu verlieren, betreibe man heute wieder wichtige Grundlagenforschung, so die Soziologin: „Wir wollen verstärkt Erklärungen liefern, welche Rolle der Beruf auf dem Arbeitsmarkt spielt. Der Beruf ist ein so vielschichtiges Konzept, und er bestimmt nach wie vor die soziale Position eines Menschen in der Gesellschaft mit.“ Berufe unterscheiden sich beispielsweise darin, wie hoch der Anteil der zu erledigenden Tätigkeiten ist, der bereits heute potenziell durch Roboter oder Computerprogramme erledigt werden könnte. Damit kann analysiert werden, inwiefern die fortschreitende Digitalisierung in Deutschland mitverantwortlich für die Ungleichheit bei der Lohn- und Beschäftigungsentwicklung ist.

Das herauszuarbeiten hat sich Britta Matthes heute auf die Fahne geschrieben. Das Revival der Berufsforschung am IAB befeuert auch die Suche nach einschlägigen Kooperationspartnern, zum Beispiel über die von Mitarbeitern unterschiedlicher Universitäten und Forschungsinstitutionen einschließlich des IAB initiierte „Forschungsinitiative Berufe und soziale Ungleichheit“, kurz FiBus. „Wir wollen Berufsforschung nicht nur institutionell sichtbarer, sondern vor allem produktiver machen“, sagt Matthes. Berufe, ihre Qualitäten, ihre Chancen, ihr Prestige, ihre Ausbildung, sind am Arbeitsmarkt, und damit auch für die IAB-Forschung, relevanter denn je. Für Frauen und für Männer. Ob sie nun fliegen oder nicht.

Text: Katharina Raab

Beitragsbild: panthermedia.net/garloon

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